Bis Juni 2011 ratifizierten zahlreiche Staaten – darunter auch Deutschland – die Behindertenrechts- konvention der Vereinten Nationen. Kurz gefasst besagt diese, dass alle Menschenrechte auch für Menschen mit Behinderung gelten und bestehende Hürden abgebaut werden müssen.
Bereits 2010 beschloss das Deutsche Studentenwerk einen Umsetzungsplan für die Hochschulen. Wir sprachen mit Harry Baus, dem Leiter der Sozial- und Behindertenberatung des AKAFÖ, über die Situation behinderter Studierender an der RUB.
betonGRÜN: Harry, stell Dich doch kurz vor.
Harry Baus: Ich bin nun bereits seit 1986 beim AKAFÖ und war zunächst Heimleiter im Wohnheim, später ist meine Stelle zur Beratungsstelle für behinderte Studierende ausgebaut worden.
betonGRÜN: Ist die Ruhr-Uni bereits eine behindertengerechte Uni?
Harry Baus: Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber es geht nur langsam voran. Zu langsam, wenn man mich fragt. Seit die Themen Inklusion und Behindertenrechtskonvention auf der politischen Agenda stehen, passiert etwas. Vieles konnte ich schon anregen. An vielen Themen bin ich gerade dran. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den Schulen. Es steckt so ein großes Potential in behinderten Menschen, das nicht erkannt und nicht gefördert wird. Da muss man ansetzen.
betonGRÜN: Vor welchen konkreten Problemen stehen Behinderte an der RUB denn? Von den ganz naheliegenden baulichen Hürden mal abgesehen.
Harry Baus: Die Umstellung auf Bachelor/Master hat ganz viel kaputtgemacht. Früher haben viele behinderte Studierende ihr Studium in der Regelstudienzeit geschafft. Heute ist das die Ausnahme. Die Anwesenheitspflichten, die Masse an Klausuren, der Leistungsdruck. All das ist schwierig zu bewältigen, wenn man regelmäßig in ärztlicher Behandlung ist oder eine Klausur nur mit einem Assistenten schreiben kann. Das alles muss ja organisiert werden und stellt einen enormen Mehraufwand da. Viele denken, Behinderten wird alles geschenkt, genau das Gegenteil ist aber meistens der Fall. Sie müssen für das gleiche Ergebnis doppelt arbeiten!
betonGRÜN: Eine Abschaffung der Anwesenheitspflicht wäre also schon ein wichtiger Schritt?
Harry Baus: Auf jeden Fall. Da haben wir die Mehrheit der Studierenden ja auch auf unserer Seite. Denn es ist ja egal, wie der Stoff gelernt wird, Hauptsache es wird gemacht. Und wenn ich jeden Monat mit unzähligen Attesten hantieren muss und Dozenten überzeugen muss, das anzuerkennen, verlier ich unglaublich viel Zeit.
betonGRÜN: Welche Maßnahmen können denn noch ergriffen werden, um kurzfristig etwas zu verbessern?
Harry Baus: Die Lehrenden müssen für das Thema sensibilisiert werden. Und es muss auch eine Fortbildungsmöglichkeit geben, wo Lehrende eben bestimmte Basics lernen. Natürlich weiß nicht jeder Dozent, was er machen muss, damit ein Sehbehinderter oder Blinder eine Klausur schreiben kann. Aber das kann man ihm beibringen. Und die Infrastruktur gibt es ja bei uns [Anm.d.Red.: im Servicezentrum für Behinderte, EG Studierendenhaus]. Die muss nur bekannter gemacht werden.
betonGRÜN: Vielen Dank für das Gespräch und die guten Anregungen!